InNachhaltigkeit

Nach mir die Sintflut – von der Verantwortung moderner Konsumierender

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Von einer massenmedialen Reizüberflutung, Dinge, die passieren und nicht passieren sollten, Vielfältigkeitsdschungel und schweren Entscheidungen. Oder in anderen Worten. Um die Verantwortung moderner Konsumierender schreibt Jenny von MehralsGrünzeug heute ein paar nachdenkliche und treffende Worte auf Vanillaholica.com.

pfeileWer hier schreibt

[one_half]Hallo, liebe Leser*innen von Vanillaholica! Heute beehrt euch ausnahmsweise nicht Vivi mit einem ihrer wirklich immer lesenswerten Beiträge. Heute habe ich ein paar Worte für euch – ein paar kritisch-hinterfragend-nachdenkliche zu einem Thema, das mir schon lange auf der Seele liegt und ich daher mindestens ebenso lange zu (digitalem) Papier gebracht haben wollte. Daher danke ich Vivi an dieser Stelle herzlich, dass sie mir hier den Platz dafür einräumt!

Damit ihr auch wisst, mit wem ihr es die nächsten geschätzt 1700 Wörter zu tun habt: Ich bin Jenni und blogge auf Mehr als Grünzeug über dieselben Themen, die auch Vivi interessieren – Veganismus, nachhaltiges Leben, Zero Waste und alles, was damit zusammenhängt. Ohne erhobenen Zeigefinger, aber immer mit kritischem Blick auf die Dinge, die uns umgeben.

Einen Eindruck davon kann euch der folgende Text vermitteln – ich freue mich über euren vielleicht anschließenden Besuch und hoffe, ihr habt Freude beim Lesen![/one_half][one_half_last]jenniferhauwehde1

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pfeileVon massenmedialer Reizüberflutung

Jeden Tag werden wir mit Bildern des Leides bombardiert. Kaum ein TV-Beitrag, der ohne Katastrophenmeldungen jeglicher Art auskommt, in den Printmedien sowie online auf sämtlichen Kanälen wird fleißig gesammelt, auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt: dieses oder jenes Reaktorunglück, Flüchtlingswellen, Artensterben, Klimawandel, Krieg, Überfall, Mord, Raub, kleinere Delikte.

Direkt vor der Haustür, im Nachbarort geschehen oder auf der großen Weltbühne präsentiert.
Bilder & verwackelte Aufnahmen aus Krisen – gebieten, von verzweifelten Frauen, Kindern & Männern sind uns mittlerweile ins Gedächtnis gebrannt & allgegenwärtig.
Zumindest unbewusst.
Sie begleiten uns durch den Alltag und wenn die entsprechenden Stichworte fallen(„Syrien“, „Flüchtlinge“, „Klimakatastrophe“), können wir sie sofort aus ihrem Dämmerschlaf in unseren hinteren Gehirnregionen wecken und reaktivieren.
Eines dieser wundersamen Stichworte ist beispielsweise „Massentierhaltung“.
Ein weiteres wäre „Textilfabrik“.
Auch effektiv: „Welthunger“.
pfeile

 

 

 

 

 

 

 

Sofort haben wir Assoziationen, sofort verknüpft unser Gehirn diese und weitere Schlagworte mit den abgespeicherten Informationen, die es zu dem jeweiligen Thema vorfindet und mit deren neuen wir jeden Tag über sämtliche Kanäle überschüttet werden.

Aber was passiert dann? Nicht viel. Wir denken einen Moment darüber nach, drehen die Erinnerung in unseren mentalen Händen ein wenig hin und her, ordnen sie ein, kategorisieren sie und wissen dann, wovon wir zu reden haben, um uns bei dem Gespräch, in dem die Vokabel gefallen ist, einigermaßen eloquent zu Wort zu melden. Und dann bringt die Bedienung das Essen an den Tisch und man findet neuen Gesprächsstoff. Die Sauce ist aber auch wieder vorzüglich!

pfeileWas passiert und nicht passieren sollte

Und dann verschwindet das gerade heraufbeschworene Bild wieder, verblasst und wird von neuen hereinflutenden Reizen umgeben und vergraben. Und genau hier haben wir ein Problem. Dieses Problem liegt weniger darin, dass Erinnerungen kommen und gehen und man ganz selbstverständlich das Gesprächsthema im Verlauf eines Abends wechseln kann und sollte (schließlich mag man selbst nicht durch dauerndes Herumreiten auf einer Sache gelangweilt werden noch andere durch eben dasselbe langweilen). Es liegt auch weniger darin, dass wir nun einmal einigermaßen egoistische Wesen sind (einige mehr, andere weniger), denen das eigene Wohl und die Fokussierung auf die Befriedigung der unmittelbaren lebenstechnischen Bedürfnisse (Essen!) am wichtigsten ist.

Das Problem liegt darin, dass wir Meister*innen der konsequenten Verdrängung geworden sind.

Man könnte nun darüber diskutieren, dass einem in Zeiten der oben angerissenen massenmedialen Reizüberflutung nichts anders übrigbliebe – wie sollte man anderweitig mit all‘ diesen unterschiedlichen Eindrücken zurechtkommen, die jeden Tag, jede Sekunde, auf uns einprasseln? Doch diese Argumentation ist schon bei oberflächlicher Betrachtung nicht haltbar und sehr fadenscheinig – zumindest, wenn es um die Dinge geht, für die man (im wahrsten Sinne des Wortes) ein wenig über den eigenen Tellerrand hinausblicken muss.

pfeileVielfältigkeitsdschungel und schweren Entscheidungen

Natürlich liegt dem Problem des Wegschiebens von Unbequemem (für das Stück Steak da ist ein empfindsames Lebewesen geschlachtet worden; für dieses superhippe und krass billige Shirt musste ein kleines Mädchen am Webstuhl unter lebensgefährlichen Bedingungen arbeiten anstatt zur Schule zu gehen; dieser Plastikbecher wird erst in 400 Jahren abgebaut sein…) die Schwierigkeit zugrunde, dass wir in unserer Welt es scheinbar komplizierter denn je haben, uns zurechtzufinden in dem Möglichkeitenchaos und dem Vielfältigkeitsdschungel. Es gibt nicht nur ein Duschgel, sondern eine ganze Regalwand voll davon. Statt einer Nusssorte hast du die Wahl aus über zehn. Verreisen zu jedem Punkt auf diesem Planeten war noch nie so günstig und schnell bewerkstelligt wie heute – und es gibt eine Massenindustrie, die danach lechzt, dir den perfekten, unvergesslichen Sommer-Sonne-Strandurlaub zu verschaffen.

[one_half]Alles, was wir konsumieren können, gibt es nicht (mehr?) in einfacher, sondern gleich in dutzendfacher Ausführung. Das macht es zum einen zu einem hochkomplizierten Verfahren, die elementarsten Dinge des täglichen Gebrauchs zu identifizieren und käuflich zu erwerben – denn man muss sich andauernd mit den äußeren Einflüssen und sich selbst auseinandersetzen und vor allem die dringliche Frage stellen: „Was will ich eigentlich?“. Und diese ist (wir wissen es alle) gar nicht so einfach zu beantworten. Vor allem nicht, wenn man vor den erwähnten 5 Metern Regal für ein Produkt steht und sich entscheiden muss.[/one_half][one_half_last]Es gibt aber noch ein ganz anderes Problem, das mit dem Vielfältigkeitsdschungel eng zusammenhängt: Wir wissen nicht mehr, was wir tun. Alles ist furchtbar intransparent geworden. Wir haben keinerlei Möglichkeit mehr, die Produkte, die wir erworben haben (oder zu erwerben gedenken) sicher und handfest auf ihre Herkunft, ihre Produktion und ihre Verlässlichkeit zu testen. (Jedenfalls, wenn wir im uns im städtischen Alltag allgegenwärtigen Massenkonsum bewegen und nicht beim Bauern um die Ecke kaufen oder unsere Kleidung von der Stoffbahn angefangen selbst herstellen.)[/one_half_last]

pfeileDas Paradox: Unendliche Vielfalt und das Gefühl, keine Wahl zu haben

Das denken wir jedenfalls und sämtliche Riesenkonzerne geben sich auch alle erdenkliche Mühe, dass das so bleibt – dass wir uns unsicher sind und uns ihnen ausgeliefert fühlen. Das sollen wir natürlich nicht vordergründig so empfinden (sonst würde ja niemand mehr dort kaufen), sondern eher implizit – in der Form, dass wir uns einfach keine Gedanken mehr darüber machen, wo wir einkaufen und was wir da eigentlich gerade zur Kasse schleppen. Kann man ja eh‘ nicht beeinflussen. Machen ja alle anderen auch so. Wird schon passen. Oder: Ist halt Gewohnheit. Wir laufen mit in dieser Konsummaschinerie, weil wir glauben (und andauernd in diesem Glauben bestärkt werden), dass wir keine andere Wahl haben. Ist das nicht paradox? Wir haben die Auswahl aus gefühlt drölfzigtausend Online- und Offlineshops und haben trotzdem, wenn man uns konkret mit unseren Kaufentscheidungen konfrontiert, sofort das Argument parat, dass es ja keine Alternativen zum gerade Gewählten gibt.

Konkret äußert sich das beispielsweise darin, dass Konsument*innen von Supermarktfleisch argumentieren, Biohaltung könne man sich halt nicht leisten. Und vegan erst recht nicht. Dasselbe Argument findet sich bei Billigmode-Käufer*innen – Fair Fashion?

Viel zu teuer.

Und außerdem: Das könne man ja dann auch nicht so recht glauben, dass es bei denen da dann keine Ausbeutung gebe – das machen doch alle so, da kann man nichts machen. Die (höchst logische) Konsequenz: Weiter beim schwedischen Moderiesen einkaufen. Weiter das Fleisch auf den Grill schmeißen. Weiter scheuklappenmäßig konsumieren. Wunderbar. Machen ja alle so. Wird schon passen.

pfeileWas wir brauchen: Habt Mut,ethisch zu handeln !

Dabei wäre es doch nur ein winzig kleiner Schritt, um etwas zu verändern – für sich selbst, aber auch für andere. Und im Endeffekt (so dramatisch das klingen mag): für den ganzen Planeten. Dieser winzig kleine Schritt ist der, endlich einmal hinzusehen und sich den mühsam festgehaltenen Schleier vom Gesicht zu reißen. Hinter die Photoshop-Fassaden zu schauen und sich zu fragen, was man hier eigentlich macht. Wie kann – verdammt noch mal! – ein Shirt 3 Euro kosten? Wie geht das? Zu welchem Preis? Wie kann – verdammt noch mal! – ein Liter Milch für 15 Cent verschleudert werden? Wer leidet, wer bezahlt, wenn wir es nicht tun?

Denn eines müssen wir uns immer wieder – und mit aller Deutlichkeit und vor jeder noch so kleinen Konsumentscheidung – klarmachen: Die Produkte im Regal werden nicht von Feen dorthin gelegt, nicht von kleinen Gnomen in wundersamer Werkstattarbeit produziert. Irgendwer – am anderen Ende der Welt oder auch im nächsten Massenverarbeitungsbetrieb – hat dieses Produkt gefertigt. Ein Lebewesen, das atmet, lebt und glücklich sein will. Das kann eine Arbeiterin in Bangladesch mit so gut wie nicht existentem Lohn, aber auch eine dauerschwanger gehaltene Milchkuh sein. Meinst du, eine von beiden ist glücklich? Meinst du, du förderst ihr Glück durch den Konsum dieses Produktes da, das du mehrheitlich wahrscheinlich nur zur Befriedigung eines Luxusbedürfnisses zu brauchen glaubst?

Das sind scharfe Worte, ich bin mir dessen bewusst. Aber ich glaube, hier sind sie angebracht. Es geht natürlich nicht darum, den eigenen Konsum herunterzuschrauben und wie ein Eremit in der berühmten Hütte im Wald zu leben. Schöne Dinge mag jeder gerne um sich haben – gute Kleidung, eine schöne Wohnung, gutes Essen. Ich bin selbst unverbesserliche Ästhetin. Doch es geht darum, sich einmal klarzumachen, was man eigentlich braucht – und wenn man das herausgefunden hat, zu ermitteln, woher man es bekommt. Dazu gehört das Scannen der bisherigen Bezugsquellen auf ihre Produktionsbedingungen, firmeninterne Ethik und dergleichen – aber auch die Bereitschaft, sich neuen Konsumentscheidungen zu öffnen. Wenn ich feststelle, dass H&M (und dafür muss ich nicht stundenlang Recherche betreiben) die besagte Arbeiterin in Bangladesch nicht glücklich, sondern im Gegenteil todunglücklich machen wird – kann ich es dann noch mit mir als Mensch vereinbaren, dort einzukaufen? Mein Klamottenego über ihre grundlegenden Bedürfnisse zu stellen? Und wenn ich das mache – trotz des Wissens -, werde ich selbst eigentlich glücklich damit?

Es kostet immer Überwindung, Althergebrachtes (ob im großen oder kleinen Maßstab) infrage zu stellen. Es ist verdammt unbequem, sich mit abgebrannten Textilfabriken und Massenschlachthäusern und CO2-Werten zu beschäftigen. Und ja: Es kostet Zeit. Aber wir sollten eines nicht vergessen: Jedes Mal, wenn wir bei den entsprechenden nicht so ethisch verwurzelten Firmen die Kassen klingeln lassen, geben wir ihnen das Signal, dass wir sie unterstützen, dass alles so gut ist, wie es ist und sie gerne so weitermachen können.

 

Wir sagen – um es direkt zu formulieren -, dass sie die Arbeiterinnen in Bangladesch gerne weiterhin ausbeuten dürfen. Dass ein paar Sicherheitsvorkehrungen nicht nötig sind – wenn Menschen sterben, dann ist das halt so. Geschredderte Küken, misshandelte Ferkel, Lebewesen als Dinge? Die Produkte kaufen wir gerne – aber wir kaufen gleichzeitig noch viel mehr ein: Missbrauch von Mensch und Tier mit unserer Billigung. Und das nur, weil wir so gehandelt haben, als gebe es keine Alternativen.

Alternativen – möchte ich postulieren – gibt es immer. Wir müssen sie nur kennen. Und um sie kennenzulernen, brauchen wir Informationen. Das heißt: Wir müssen uns ganz gezielt mit den oben angerissenen (aber noch viel mehr) Themen auseinandersetzen – auch, wenn es weh tut. Auch, wenn man es nicht sehen, hören und nicht wahrhaben will. Wem nützt das blinde Weiterfahren auf der Autobahn mit zweihundert Sachen? Langfristig werden wir alle darunter leiden müssen – jetzt schon leiden zu viele, wenn auch nicht wir (jedenfalls nicht unmittelbar). Kannst du das mit dir vereinbaren? Wer sind wir, wenn uns das egal ist?

Hab‘ den Mut, Entscheidungen zu überdenken, dich umzuorientieren und
im Zweifelsfall neu auszurichten.
Sei‘ dir deiner Verantwortung als moderne*r Konsument*in bewusst.

Hab‘ den Mut, ethisch zu handeln. Hab‘ den Mut und die Energie, deinen Lebenswandel einmal (oder auch mehrere Male) zu hinterfragen.  Jede Entscheidung, die wir treffen, hat Auswirkungen auf unserem so eng vernetzten Planeten. Wir sind Influcencer, wir alle. Zeit, dass wir diese Macht nutzen. Wir haben immer eine Wahl.

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